Presse- Wien 6.3. 2021 Cornelius Hell

Die alte Geschichte vom Höhenflug der Liebe und ihrem noch tieferen Absturz in Gewalt, Entfremdung und Verzweiflung wurde schon oft erzählt – aber noch nie so wie im Roman „Liebe um Liebe“ von Dragica Rajčić Holzner. Er lässt eine Migrantin aus Ex-Jugoslawien in der fremden Sprache, im amerikanischen Englisch, zur eigenen Sprache kommen, in der sie von sich erzählen kann. Aber nicht nur von sich, denn der Roman beginnt zwar am 24. Juni 2011, doch schon das zweite Kapitel blickt zurück in das Jahr 1919 und eröffnet das

 

23 Panorama einer Familiengeschichte, in der Frauen Gewalt angetan wird, sie in den Tod getrieben werden und weder Schutz noch Hilfe erfahren – von den eigenen Eltern schon gar nicht.

 

Ana Jagoda, die Ich-Erzählerin, steht an dessen Beginn in der Herzstation eines Spitals in Split und hat Angst, dass Igor, der Mann mit dem und vor dem sie geflohen ist, sie in seiner Todesangst noch einmal mit in den Abgrund zieht. Und am Ende fliegt sie zurück nach Chicago – dorthin, wo das neue Leben mit Igor, die Hoffnung auf ein Entkommen aus der Familiengeschichte, endgültig misslungen ist. Dazwischen liegt eine Kindheit in Jugoslawien, in einem kleinen Dorf, dem der Roman den ironischen Namen „Glück“ gibt, und in dem der Vater die Kinder so tyrannisiert, dass sie um seinen Tod beten, während sich die Mutter im Schlafzimmer einsperrt. „Die Kinder hatten Angst vor der Strafe, vor dem Hosengürtel, die Wunden sahen im Frühling schrecklich aus auf weißen Oberschenkeln. Erst dunkelblau, dann gelblich.“ Als Ana schwanger wird, denkt sie daran, sich wie andere Frauen das Leben zu nehmen, doch dann beschließt sie über das ungeborene Kind: „Ich muss es töten, bevor Vater mich tötet.“ Als sich Ana in Igor verliebt, flieht sie bald mit ihm nach Split, um ihrer Familie zu entkommen, und flüchtet trotz aller negativen Vorzeichen in eine Ehe mit ihm. „In der Hochzeitsnacht war Igor betrunken. Igors betrunkene Zunge sagte: ,Wegen eines Augenblicks muss ich jetzt büßen.‘“ In den USA, wohin das Paar emigriert ist, muss sie um ihr

 

24 Schreiben kämpfen, an dem ihr schon seit frühester Jugend viel liegt. Und sie muss flüchten vor Igor, der ihr einmal das Messer an die Kehle setzt. Sie findet Zuflucht im „Womanirrhaus“ und macht dort im zweiten Teil des Romans eine Art Familienaufstellung: Sie spielt die Rollen der übrigen Familienmitglieder durch, um diese und sich selbst zu verstehen.

 

Hat Dragica Rajčić Holzner bisher, vor allem in ihrer Lyrik, in einer Kunstsprache geschrieben, einem systematisch fehlerhaften Deutsch, so hält sie sich hier an die gängige Grammatik, streut aber immer wieder kroatische Wörter ein, ohne sie zu übersetzen – ein Signal, dass die Herkunftswelt nicht glatt transponierbar ist. Sie (er)findet Bilder und Ausdrücke, die einen nicht loslassen. Ein Höhepunkt: der Beginn des dritten Teils, ein „Großer Traum“, der deutlich auf Bachmanns Roman „Malina“ anspielt und ihm einen „Friedhof der auferstandenen Töchter“ entgegensetzt. Der Traum wird noch einmal mit der Realität des Besuches in Split konfrontiert: „Sehen, sehen, sagte ich mir, nicht denken, an der Oberfläche der Augen die Welt anhalten, Gedanken abprallen lassen, während die Haut in der Morgenfrische fror.“ Dragica Rajčić Holzner lebt in und zwischen mehreren Sprachen und Dialekten. Sie hat nicht einfach auf die Wucht ihres Stoffes vertraut, sondern einen sprachlich faszinierenden Roman geschrieben, der aus den Neuerscheinungen der vergangenen Jahre hervorsticht.

Foto - Gratis von Florian Bachmann