© 2015 Dragica Rajcic

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Daniel Rothenbühler  über  Roman Glück(2019)

Es ist gerade gegenwärtig, in der Folge der Mee-to-Bewegung, höchst aktuell, gibt den mit ihr aufgeworfenen Fragen eine grössere – auch historische – Tiefe, vor allem auch dadurch, dass es die einfache Täter-Opfer-Perspektive in Frage stellt und auf überzeugenden Weise zeigt, wie bestimmte Herrschaftsformen zwischen den Geschlechtern von Generation zu Generation übertragen werden und sich auf sehr subtile Weise in der Psyche der Opfer – auf beiden Seiten – sedimentiert haben.

Prof Hans- Dieter Zimmermann -Berlin

 

Ein Erzählgedicht, was ja heute eher selten ist, (Höllerer forderte einmal das lange Gedicht) sehr eindrucksvoll, kräftige Sprache und schön zu lesen. Der Inhalt weniger schön, eine harte Welt

Nico Lüthi in Book Gazette

"Glück ist ein Buch, welches genau das ist, was viele Bücher sein möchten. Es ist ein Buch, das gnadenlos in seiner Entstehungszeit verankert zu sein scheint, zugleich ist es zeitlos in seinen Themen und seiner erzählerischen Wucht. Die Themen um Migration, Gewalt und Emanzipation könnten kaum tagesaktueller sein und trotzdem lässt mich das Gefühl nicht los, dass sich dieses Werk keinen Deut um den Zeitgeist schert, sondern eine Geschichte erzählt, die erzählt werden musste."

 

Zahra Mani  Musikerin und übesrsetzerin Kroatien

 

Dragica Rajcic is a Croatian poet and thinker who lives between Austria, Switzerland and Croatia. She writes in the German she learned when she moved to Switzerland; the title of her first published volume of poetry reflects the linguistic and semantic background: Halbgedichte einer Gastfrau. Her work moves intellectually in the frictional space between syntax and semantics, between the expected and the other, between foreignness and the concept of home. Her partially autobiographical writing illuminates the concept of the generality that can grow out of an own trajectory and the shared elements inherent in individuality.

Michael Felix Grieder, Saiten 9.07.2016

Dragica Rajčić ist sehr wahrscheinlich die coolste Person der Welt. Sie boxt mal kurz ins Mikrofon «muss erst Mikrofon testen! – Oki, höre mich», bevor sie dem Moderator antwortet. Die brillante, tiefgründige und extrem schön formulierende Lyrikerin erlaubt sich seit etwa dreissig Jahren die Eigenheit (die sie sonst im Leben tatsächlich mit vielen gemeinsam hat), auf orthografisch korrektes Deutsch zu verzichten. Sie spricht gewissermaßen aus dem Dazwischen, daran erinnernd, dass identitäre Reinheitskonzepte auch in der Sprache keine Allgemeingültigkeit haben sollen.

Das Leben findet ohne Polizei am ehesten zur schönen Entfaltung, warum also sollte ein Gedicht der Sprachpolizei unterliegen? In ihrem Buch von Glück finden sich passend dazu folgende Zeilen: «haben Recht / auf / Unrecht durch / das / Ausländerrecht».

Rajčić liest unter Anderem aus ihrem im nächsten Jahr erscheinenden ersten Roman Liebe um Liebe, und unterbricht plötzlich: «Jetzt muss ich passen, ich habe die Fortsetzung irgendwo, aber nicht grad hier». Die passagenweise sehr tragische Geschichte, handelnd während dem Jugoslawienkrieg, mit nahezu absurden Sexszenen dazwischen, ist dazu noch reich an Humor und wunderschönster Ironie. Diese sei im Ostblock alltäglich gewesen, in der Schweiz aber «glauben die Leute plötzlich was ich sage»: wirklich ein «Kulturunterschied», wie die Autorin schwer ironisch festhält.

 
 

Johanna Lier in WoZ



Von der Mutter- zur Stiefmuttersprache

Dragica Rajcic stellt in der zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrik schon allein deshalb eine Besonderheit dar, weil sie ihre Gedichte in einer "fehlerhaften", von den grammatikalischen und orthographischen Normen abweichenden Sprache verfasst und auch so veröffentlicht. Obwohl die in Kroatien geborene, in der Schweiz ansässige und mit dem dürftigen Label "Migrantenschriftstellerin" nicht zu fassende Rajcic fliessend Deutsch spricht, betont sie immer wieder, dass die "Fehler" (die sie auch nicht korrigieren lässt) in ihren Gedichten kein Stilmittel seien: "Bis ich wirklich die Sprache beherrsche, dass ich Schriftsteller sein könnte, ist mein Leben vorbei."

Ganz ist solch pragmatischen Aussagen nicht zu trauen. Denn der Verzicht auf grammatikalische und orthographische Korrektheit bringt allzu häufig einen poetischen Mehrwert, zeigt ungeahnte Verbindungen von Wörtern und Konzepten, öffnet fruchtbare Assoziationsfelder - etwa, wenn in "trene" sowohl Träne als auch trennen anklingt, oder wenn die Kleinschreibung der für den Heimatdiskurs so oft zitierten "wurzeln" aus dem statischen Substantiv ein Verb macht, das auf das ständige Neuverhandeln, die Vorläufigkeit und Unsicherheit dieses Verwurzelungsprozesses hinweist. Eine Zweideutigkeit, die an Jorge Luis Borges Entwurf von Tlön erinnert, eines Kosmos ohne Substantive, in dem die Dinge dazu "neigen [...], undeutlich zu werden" weil die präzise Benennung in Frage gestellt wird, die Hauptwörter zu leisten vorgeben. So protestiert Rajcics Lyrik nicht nur gegen Assimilation, gegen ein gefordertes Einbindenlassen, das lediglich auf die Negation und Aufgabe von Differenz abzielt, sondern sie besteht auf Freiheit. Durch die Verwendung einer alternativen, ver-fremdeten Form und Sprache, eines peripheren und oppositionellen Deutschs, schafft Rajcic ein Bewusstsein von Ambiguitäten und Widersprüchlichkeiten in vorgeblich geschlossenen Majoritätsdiskursen, erhebt Dissonanz zum Stilprinzip und leistet so auch Widerstand gegen vereinheitlichende Nationalkulturen. Das ist natürlich auch politisch, und so setzt Dragica Rajcic auf dem Feld der Lyrik direkt Jean-Luc Godards bekannte Forderung um, "keine politischen Filme, sondern Filme politisch zu machen".

Paradigmatisch ist die Entwicklung der Titel von Rajcics Gedichtbänden. Betont ihr literarisches Debüt in deutscher Sprache, "Halbgedichte einer Gastfrau" (1986), noch den fragmentarischen, vorläufigen und nicht dem klassischen Ideal von Gedichten entsprechenden Charakter ihrer Lyrik, verrät es schon, aus welcher Perspektive das Buch geschrieben ist, ironisiert es aber auch die Vorstellung, eine "Gastfrau" könne ja eigentlich überhaupt keine Gedichte schreiben, so ist "Lebendigkeit Ihre züruck" (1992) wegen der plakativen, auf Fremdheit verweisenden "Fehler" ein Beispiel für gelebte Differenz ("ich behalte mir das Vorecht / fremd zu sein" heisst es dort in "Meine Vorzüge Ihnen gegenüber". Und dem unbestimmten "Post Bellum" (2000) folgt mit dem "Buch von Glück" (2004) ein subtiler Hinweis auf Rajcics Zwischenposition, darauf, dass hier bewusst Regeln gebrochen werden.

Gerade diese gelebte Ungleichheit vor dem Hintergrund angeblicher Integration, das Kenntlichmachen von und Bestehen auf Differenzen, oder der Versuch, die homogene und dadurch ausschliessende Narration einer zeitlosen Nation durch normabweichenden Sprachgebrauch zu unterlaufen, sind Charakteristika der Rajcicschen Lyrik. Hier macht jemand auf sich aufmerksam, der als Flüchtling und Ausländerin eigentlich keine Stimme im öffentlichen Leben hat, kommt zur Sprache, versucht, der Fremdbestimmung eine Selbstbestimmung entgegenzusetzen. Fragestellungen nach den Wechselwirkungen zwischen Welt und Ich, zwischen Eigenem und Fremdem, "Wir" und "Ihr", Schrei(b)en und Schweigen, oder zwischen Krieg und Frieden stehen dabei im Zentrum der Auseinandersetzung der Dichterin mit der polyvalenten Realität, die sie umgibt, innerhalb - und ausserhalb - derer sie lebt.

Besondere Bedeutung im Gesamtwerk Rajcics kommt ihren poetologischen Gedichten zu, diesen Thematisierungen und Wertungen des eigenen Schreibens, die auf die Schwierigkeit und gleichzeitig Unerlässlichkeit verweisen, Vertrauen in die Sprache zu finden. Ohne das Ringen mit ihrem Material zu simplifizieren, auch ohne vorzugeben, in der Sprache sei automatisch Heilung enthalten, nimmt Rajcic den Raum zwischen Schreiben und Schweigen, zwischen Stellungbeziehen und Verstummen zum Ausgangspunkt einer sprachkritischen Reflexion, an deren Ende Gedichte stehen, die inhaltlich und formal traditionelle Grenzen überschreiten. Fremdheit, sowohl soziale als auch nationale oder sprachliche, wird so nicht nur begründet und akzeptiert, sondern dekonstruiert und relativiert, indem sie als universelles/r W/ort entworfen wird. Und gerade weil "Das Publikum weiss/das vor ihnen eine sitzt/wo sich auf Umwegen daran macht/aus ihre Sprache/stifmuter zu machen" ("Buch von Glück"), stellt Rajcics Literatur eine Herausforderung an jene dar, die "Überschaulichkeit", Eindeutigkeit und "Einordentlichkeit" als wesentlich erachten.


Jens Nicklas in Schweizer Monatshafte

Liebeslyrik, ziemlich prosaisch

Dragica Rajcic stellt ihren neuen Gedichtband «Buch von Glück» vor

Seit 1978 lebt die Kroatin Dragica Rajcic in St. Gallen. Die Erfahrungen des Fremdseins sind ihren Texten eingeschrieben - auch wenn ihr neuer Gedichtband «Buch von Glück» eigentlich von der Liebe erzählt.

Eva Bachmann

«Meine Mutter hat mir gesagt das sie keine liebe kennt und falls es solche gäbe wäre sie reine Einbildung untätiger Frauen. Zitat Ende.» Diese Worte stellt Dragica Rajcic ihrem Band voran. Ziemlich prosaisch als Einstimmung in einen Band mit Liebeslyrik. Aber auch die poetischen Worte von Paul Celan stehen da: «Es wird ein Gehn sein, ein Grosses, weit über die Grenzen, die sie uns ziehen.»

Damit hat die Dichterin ein Zelt aufgeschlagen, in dem sie über das flüchtige Glück der Liebe und seine Kraft, Grenzen zu sprengen, nachdenkt. Sesshaft ist sie selber nicht, so wenig wie die Liebe. «Iss mich trink mich frag mich sag nichts schau über komm naeher ... verglückt so umglückt kann doch nicht essen mir nihts dir nihts von jetztan was mit alledem was noch nie berührt war so». Zwei in einem Restaurant: eine Szene, heraufbeschworen in wenigen Worten - dazu die Schmetterlinge im Bauch. Das Glück, wenn es denn da ist, strahlt in den Gedichten golden: «In der Nacht des Tages hat es gegoldet / Zwischen den Augen /HellLichter».

Antiherzschmerz

Meistens aber fremdelt das Glück: Es will uns nicht kennen. Und «reparaturen der gebrochenes herzens sind an überfluss an ersatzstücken unausführbar.» Der Verlust der Liebe zeigt sich in schmerzlichen Bildern: im Ablegen einer Haut, im Krieg, in Versteinerung und Zertrümmerung, im Abnagen des Fleischs vom Knochen. Ist es vielleicht besser, sich gar nicht zu verlieben? Der Vorsatz der starken, ernüchterten Frau zielt ins Leere: «Ich schnizelte da gegen Gedichte in der badewannen schwammen davon» - nützt alles nichts: «Die diagnose mittlere bis schwere Liebesvergiftung». Selbst im Schmerz nach dem Absturz behält Dragica Rajcic den trockenen Humor: «Wahnfrauen in büchern / Stecken ihr kopf in backoffen /... Die lebende frauen / Operieren ihre Nasen / Riechen dämonen und lächeln.» Diese entwaffnende Direktheit einer Frau, die mit beiden Füssen auf dem Boden steht, gibt den Gedichten ihre eigene Tonart - den Herzschmerz überlässt sie lieber den Untätigen.

Geliebte Illusion

Die prosaische Stimmung deckt sich mit der Textgestalt: Es sind Prosafetzen mit Zeilensprüngen und Pausen. Dragica Rajcic ist keine, die aus Rhythmen, Lauten und Reimen ihre Verse kunstvoll drechselt. Sie geht frontal auf ihre Sache und so auch auf Leserinnen und Leser zu. Ihre Stärke sind die Bilder, Sprache hingegen ist ihr nur ein Instrument. Um das gebrochene Deutsch schert sie sich nicht, oft ergibt sich beim Lesen daraus sogar ein Mehrwert, eine Aufmerksamkeit auf die Sprache, ein bedeutungsvoller Umweg. Manchmal allerdings erweckt dieses Markenzeichen auch den Anschein des sorglos und schnell Hingeworfenen: Wenn die Autorin im gleichen Gedicht einmal «nichts», ein andermal «nihts» schreibt oder wenn da steht: «Mahle ein Bild von dem was Du nicht malen könntest.» Fremd in der Sprache, fremd im Glück. Dragica Rajcic kennt diese Fremdheit, doch die Illusion, dass sie zu überwinden wäre, ist einen neuen Schreibversuch ebenso wie eine neue Liebe wert (wobei das eine vom anderen kaum zu trennen ist). Und daraus entsteht ein sympathisches Paradox: Diese Gedichte sind melancholische Mutmacher.

 

Frauen wie ich

Frauen wie ich Verneinen jegliche beteiligung Am frauenähnlichen herz- schmerz Suchen wahrsagerinen Auf um zu hören Wie man sich am Besten Überlisten kann Mit einem Prinzen im Keller. Für Vorrat. Frauen wie ich legen kein wert Auf Sumulation der hoffnung Sie wissen Sich zu helfen Wenn sie in der handtaschen Ihre sehnsucht verliren. Sie rufen an. Falsche Nummer

Dragica Rajcic


Eva Bachmann, St.Galler Tagblatt



Das Licht der Buchstaben

Der neue Gedichtband von Dragica Rajcic handelt vom Glück in Schräglage, von Liebe und ihrem Verlust. Aber was ist für die dalmatinisch-schweizerische Dichterin Glück? Am ehesten noch alles, was vergeht und genau darin kostbar wird.

Die Vergänglichkeit, wussten Dichter schon zu allen Zeiten, ist ein kostbares Gut des Menschen. Die Wenigsten vermögen es, dies zu ertragen, ohne dabei sentimental zu werden. Die in St. Gallen lebende Lyrikerin Dragica Rajcic hat für ihre märchenverspiegelten Bilder Wörter gefunden, die den Blick ohne Melancholie stunden. "Immer da und nie gesehen/ Du/ Wer klopft goldschuppen von meinen augen", heisst es einmal in diesem Sinne. Im Grenzland des Herzens schwebt das Licht. Obwohl es ein Scheitern gibt, wird die Liebe "hinter allem" vermutet und in allem gesichtet. Finden und Verlieren sind austauschbar.

Dragica Rajcic lässt die Fenster in den Wunden auf die Bühne treten und liefert den Leser ihren Wörterbrettern aus, wie sie eigensinniger nicht sein könnten. Gerade weil sich Rajcic nicht um die Grammatik schert, gelingt ihr etwas verschoben Wirkliches. Als zeige sich eben darin die Verspiegelung eines ganz anderen Grundes, eine Art Liebe ohne Bedingungen, die es lediglich zu beschreiben gilt. Die reine Schönheit eines Liebesgedichtes blitzt dann auf, ein stiller Sommer scheint in jedem Satz versteckt.

"Weine nicht mein Auge", heisst es einmal, "mit jeder tränne/ geht Licht verloren./ Bleib wach und sehe/ Er ist ein anderer." Der Ort und die Haut der Liebe sind Dragica Rajcics Forschungsstätten. Sie hat sich in ihren Liebesgedichten aufgemacht, dafür eine Wohnstatt der beständigen Bilder zu finden. Und sie ist klug genug, dem anderen, urgründigen Spiegel ihre Buchstaben und ihre Sprache anzuvertrauen.

Marica Bodrozic im Bund

 


Rede anlässlich der Lesung in Bergen-Eckheim, 21.06.2006

 
liebe dragica, liebe freunde,
 
wir haben uns im mai 2004 kennengelernt, das ist zwei jahre her, vielleicht hätten wir uns in zürich irgendwann getroffen, ich bin aber doch dankbar, daß es die gelegenheit hier gibt, sich nicht nur zu sehen, sondern eine lesung zu hören – vor allem bin ich froh, mein interesse, meine freude mit ihnen teilen zu können.
ich tue mich mit dieser einführung – in dragica rajcics arbeiten – schwer. das liegt zum einen daran, daß es die letzte veranstaltung dieser art ist, was ich sehr bedauere.
zum anderen kenne ich mich bei prosa eben doch besser aus als bei lyrik, ich fühle mich sicherer und bilde mir ein, leichter dem auf die spur zu kommen, was mich anzieht, was ich besonders gut finde. lyrik gegenüber bin ich gewissermaßen schüchterner, das läßt sich nun nicht ändern, vielleicht schadet es nicht besonders.
dragica rajcic wurde 1959 in split geboren, sie war in australien, steht in den büchern drinnen, und 1978 kam sie in die schweiz, wo sie als putzfrau büglerin heimarbeiterin geld verdiente. sie hat drei kinder.
sie hat sehr früh angefangen zu schreiben, als halbes kind noch, und zwar auf kroatisch (nicht auf serbokroatisch – oder wie?).
das erste buch auf deutsch erschien 1986, Halbgedichte einer Gastfrau.
zu unserem glück, zum glück für ihre art der lyrik, hatte sie offenkundig den mut und das selbstbewußtsein, sich gegen gutgemeinte lektorats-versuche zu wehren, sie hat nicht zugelassen, daß die unregelmäßigkeiten abweichungen fehler ihrer gedichte korrigiert, geglättet werden, weder in der rechtschreibung noch in wortbildungen.
 
nun haben dadurch die gedichte oft etwas verblüffendes, anrührendes, verwunderliches – das ist aber nur die eine seite.
bleiben wir einen moment bei den themen.
Halbgedichte einer Gastfrau
Post bellum
Buch von Glück – heißen die drei bislang erschienen gedichtbände. die titel zeichnen auf einleuchtende weise eine bewegung nach, ankunft und fremdheit, der krieg, die frage: und wohin jetzt das leben? und wie mit dem glück?
 
die frage die sich vor allem aufdrängt lautet, was sind das nun für gedichte, was machen fehler abweichungen eigenwilligkeiten und eigentümlichkeiten für gedichte – wie rechtfertigen sie sich?
denn mit der antwort, sie rechtfertigten sich durch ihre besonderheit, dadurch, daß sie anrührend seien – damit ist wahrlich zu wenig gesagt.
 
es geht in rajcics gedichten um fremd-sprache, darum, daß wörter und notationen und sätze ihre selbstverständlichkeit verloren haben oder niemals hatten. es geht um die doppelte annäherung: an das, was erzählt besungen und ausgedrückt wird, und an die sprache selbst. es geht darum, was für ein vehikel die sprache dem menschen sein kann, wie tauglich, nah, wie fern sie ist. und wie dienstbar ist sprache eigentlich? denn bei dragica rajcic scheint sie sich oft selbstständig zu machen, ist widerborstig widerspenstig, geht einen eigenen weg oder umweg, verirrt sich: wenn es not tut, wird klar und einfach und präzise plötzlich, fast überdeutlich – gerade so, als führte sich (auch) ihr eigenes regiment.
 
es ist eine fühlbare kooperation, nicht mühelos zwischen der sprache und dragica rajcic und dem leser, manchmal ein abkommen, manchmal ein übereinstimmen, immer wieder kommt es zum bruch.
dabei wird maß genommen – an der sprache, an den dingen, an uns selbst. das richtige, leichthin flüssig gesagte scheint plötzlich vermessen. der selbstverständliche besitz der muttersprache kommt einem abhanden beim lesen oder zuhören.
 
und was zustande kommt in diesen gedichten ist eine art angewandte reflexion.
was denn ist der abstand zwischen den dingen und den wörtern, zwischen den empfindungen und sätzen? wir wissen, daß die sprache niemals die distanz zwischen uns und der welt auflösen kann, wir müssen immer wieder begreifen, wie die sprache auch die distanz zwischen zwei menschen nicht auflöst, manchmal kaum vermindert, zuweilen vergrößert.
wir gehen trotzdem mit der sprache um – wie mit der liebe – und fragen uns wohl zuweilen wie der philosoph ludwig wittgenstein: aber wie macht der satz das, daß er darstellt? und die antwort lautet: schau doch einfach hin, es ist ja nichts verborgen!
 
jede literatur bemißt sich am ende daran, wie sie die frage stellt und beantwortet, was es mit unserem leben, was es mit unserem lebensschifflein auf sich hat, wohin die fahrt geht, was aus uns wird, wenn das finis terrae näherrückt.
wir suchen oft genug vergewisserung in der literatur, denk- und lebensvorschläge; zuweilen aber auch die verunsicherung, den riß, den wir empfinden und nicht dingfest machen können, der uns plagt und sich unserem blick und verstand entzieht.
in dragica rajcics gedichten gibt es keinen trost gegen diesen riß, er wird aber verortet, in ihren gedichten halten wir uns in dem dünnen rätselhaften raum auf, der uns von der welt trennt und mit ihr verbindet, der uns von menschen trennt und mit ihnen verbindet, der uns in die einsamkeit stößt und atmen läßt. plötzlich begreifen wir, wie sich unsere sätze dem gemeinten annähern ins ungewisse, in der hoffnung, dort aufzufinden, was wir sagen wollen.
plötzlich begreifen wir, daß der schrecken des fremd-seins unauflöslich ist.
und wir sehen, daß womöglich einzig witz und hartnäckige leichtigkeit ins segel unsers lebensschiffleins pusten können, damit die fahrt doch weitergeht –.
Katharina Hacker